Rechtsberatung

mizina - Fotolia.com

Geschrieben, am 15. Mai 2016

Für Eltern in Teilzeit - Betreuung im Wechselmodell

Die Trennung der Eltern ist für viele Kinder unabhängig von ihrem Alter eine große Belastung. Zieht ein Elternteil aus der gemeinsamen Wohnung aus, kommen häufig Verlustängste hinzu. Wichtig ist es daher, dass Eltern in der schwierigen Trennungsphase möglichst einvernehmlich eine gute Betreuungsregelung für ihre Kinder finden.

Um ihren Kindern beide Elternteile in gleichem Maße zu erhalten, verständigen sich immer mehr Eltern darauf, ihre Kinder in einem sog. Wechselmodell zu betreuen. Dies bedeutet, dass die Kinder in etwa die gleiche Zeit im Haushalt der Mutter und des Vaters verbringen und beide Elternteile nicht nur wesentliche Angelegenheiten gemeinsam entscheiden, sondern gerade auch in alltäglichen Dingen wie der Wahrnehmung von Arztbesuchen, Begleitung von sportlichen und musischen Aktivitäten sowie schulischen Angelegenheiten zusammenarbeiten. Dabei kommt es nicht darauf an, dass die Kinder exakt zu 50 % im Haushalt jedes Elternteiles betreut werden, sondern darauf, dass sie zwei gleichwertige Zuhause haben. Das setzt voraus, dass bei jedem Elternteil ein eigener Bereich oder ein Zimmer für das Kind und eine Ausstattung vorhanden ist. Es liegt auf der Hand, dass eine Betreuung in dieser Form erheblich vereinfacht wird, wenn die Eltern nah beieinander wohnen. Dann ist es den Kindern gut möglich, zwischen den Haushalten zu wechseln und bekannte Wege zur Schule und zu Freunden zu erledigen. Neben dieser räumlichen Nähe ist es für das gute Funktionieren eines solchen Modells unabdingbar, dass die Eltern sich regelmäßig über die Belange der Kinder austauschen und unkompliziert Absprachen treffen können.

Das Wechselmodell hat in bestehenden gesetzlichen Regelungen zum Sorge- und Umgangsrecht leider bisher noch keinen Einzug erhalten. Die Gerichte tun sich etwas schwer damit, für diese relativ neue Form der Betreuung eine adäquate juristische Handhabung zu erarbeiten. Die gesetzlichen Bestimmungen dominiert noch das sog. Residenzmodell, wonach Kinder getrennt lebender Eltern bei einem Elternteil zu Hause sind und den anderen Elternteil besuchen. Das sich ändernde Rollenverständnis zwischen Frauen und Männern, Vätern und Müttern, hat hier noch keinen Einzug erhalten, obwohl Mütter motiviert werden sollen, durch eine eigene Berufstätigkeit wirtschaftlich unabhängig zu sein, und Väter mehr und mehr den Wunsch haben, Verantwortung für ihre Kinder tagtäglich zu leben, auch wenn dies zu Lasten der Karriere und des Einkommens gehen mag.

Sind sich Eltern in der Trennungssituation nicht einig, wie die Kinder zukünftig durch sie betreut werden sollen, weil ein Elternteil eine gleichberechtigte Betreuung favorisiert, während der andere Elternteil meint, die Kinder sollten nur ein festes Zuhause haben, sollten sie zunächst auf das sehr große Angebot an Beratung und Unterstützung, das es in Berlin gibt, zurückgreifen. Eine gute erste Anlaufstelle ist das Jugendamt, da es mit den Eltern klären kann, welche Probleme genau bestehen und dann den Kontakt zu einer  geeigneten Beratungsstelle herstellen kann. Auch kann es hilfreich sein, wenn die Eltern eine Mediation durchführen, um eine eigene Lösung zu erarbeiten. Da das Wechselmodell eine relativ hohe Bereitschaft voraussetzt, trotz der Trennung mit dem anderen Elternteil in einen Austausch einzutreten, ist dieser Weg oft sinnvoller als eine sofortige Antragstellung beim Familiengericht. Das Familiengericht wird zwar auch versuchen, zwischen den Eltern zu vermitteln und eine gute Lösung  herbeizuführen. Ist dies aber nicht möglich, sehen sich viele Familienrichter außer Stande, ein gesetzlich (noch) nicht vorgesehenes Wechselmodell anzuordnen.

Marcus Borgolte
Fachanwalt für
Familienrecht & Mediator
Berlin-Pankow